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Und plötzlich geht im Wettkampf gar nichts mehr: Die Ursache könnte dein Zyklus sein

Markus Lorenz
Headcoach
Es gibt diese Rennen, die sich nicht erklären lassen. Die Vorbereitung lief, die Formkurve zeigte nach oben, und trotzdem geht am Wettkampftag nichts. Eine unserer Athletinnen hatte genauso ein Rennen, und die Ursachensuche danach hat unsere Arbeit mit ihr dauerhaft verändert. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Als wir im Anschluss ihre letzten zwölf Wettkämpfe systematisch ausgewertet haben, fiel etwas auf. Die einzigen beiden Ausreißer nach unten lagen auf Zyklustag 24 und 25.
Das Rennen
Die Saison begann mit einem starken Auftaktrennen, einem Sprint-Duathlon, bei dem alles zusammenpasste. Wenige Wochen später stand das nächste Rennen an, dieselbe Disziplin, dieselbe Distanz. Der erste Lauf war noch solide. Auf dem Rad kam der Einbruch mit fast zehn Prozent weniger Leistung als im ersten Wettkampf. Beim zweiten Lauf ging dann gar nichts mehr. Obwohl zwei Athletinnen in erreichbarer Nähe vor ihr lagen, konnte sie sich nicht mehr aus dem Tief ziehen und ließ abreißen. Am Ende stand sie mehrere Minuten langsamer im Ziel als im Vorjahr auf derselben Strecke, und das bei einer Athletin, die sonst vor allem mental stark ist. Ihre eigene Nachricht danach: „Rennen war großer Mist heute. Habe es beim Radfahren komplett versemmelt. Aber alles in meinem Körper hat sich geweigert, ordentlich Druck zu geben. Und beim zweiten Lauf hatte ich zwei Frauen in erreichbarer Entfernung vor mir, aber mental war es schon so abgehakt, dass ich es nicht mal probiert habe."
Die Spurensuche
Was war anders als beim Rennen wenige Wochen zuvor? Wir sind der Reihe nach durchgegangen, was infrage kam: die Ernährung im Wettkampf und in der Wettkampfwoche, das Taperingprotokoll, Alltagsstress, Schlaf und die Wetterbedingungen. Nichts davon lieferte eine überzeugende Erklärung. Dann der Blick auf die Daten der beiden Wettkampfwochen:
Die Herzratenvariabilität war noch relativ stabil, der durchschnittliche Ruhepuls dagegen erhöht. Hinweise auf einen beginnenden Infekt fanden wir weder vor noch nach dem Rennen. Ein Unterschied blieb übrig. Der erste Wettkampf lag kurz nach dem Eisprung, der zweite in der späten Lutealphase. Drei Tage nach dem schlechten Rennen setzte ihre Menstruation ein, und der Ruhepuls lag wieder bei 42, die HRV bei 91.
Zufall oder Muster?
Diese Frage lässt sich mit zwei Rennen nicht beantworten. Also haben wir alle zwölf Wettkämpfe der zurückliegenden fünfzehn Monate herausgesucht und zu jedem den Zyklustag ergänzt. Das Bild war deutlicher, als wir erwartet hatten. Die beiden einzigen enttäuschenden Rennen fielen auf Zyklustag 24 und 25. Ihre besten Resultate lagen zwischen Tag 10 und 18, also in der späten Follikelphase bis frühen Lutealphase. An dieser Stelle möchten wir folgendes klarstellen: Das ist ein Hinweis, aber noch kein klares Muster. Zwölf Rennen einer einzelnen Athletin sind eine kleine Datenbasis, und wer rückblickend nach einem Muster sucht, findet fast immer eines. Genau deshalb haben wir daraus keine Regel gemacht, sondern angefangen, systematisch weiter zu dokumentieren.
Kann man die Saison danach planen?
Der naheliegende Gedanke wäre, Wettkämpfe künftig gezielt in die guten Zyklusphasen zu legen. In der Praxis scheitert das an der biologischen Realität. Die Vorstellung vom 28-Tage-Zyklus hält sich hartnäckig, sie stimmt aber für die wenigsten. Die Zyklusdatenbank der Universität Heidelberg wertete 9.846 Zyklen gesunder Frauen zwischen 19 und 45 Jahren aus. Nur 13 Prozent davon dauerten exakt 28 Tage, knapp die Hälfte war länger, rund 40 Prozent kürzer (Frank-Herrmann (2006)). Unsere eigenen Beobachtungen decken sich damit. Die Zykluslängen unserer Athletinnen liegen meist zwischen 24 und 31 Tagen, und bei allen kommt es zu häufiger zu Schwankungen. Von Zyklus zu Zyklus können diese mehrere Tage betragen, teilweise um bis zu zehn. Eine Saison Monate im Voraus nach günstigen Zyklusphasen zu planen, ist damit schlicht nicht realistisch.
Was die Forschung dazu sagt
Die bisher umfassendste Metaanalyse zu diesem Thema hat 78 Studien ausgewertet (McNulty et al. (2020)). Das Ergebnis: Die Leistungsfähigkeit ist in der frühen Follikelphase allenfalls trivial reduziert, die mittlere Effektstärke lag bei −0,06, und die Qualität der Evidenz wurde als niedrig eingestuft. Bei harten physiologischen Kennwerten wie der maximalen Sauerstoffaufnahme oder der Laktatschwelle lassen sich also keine belastbaren Unterschiede über den Zyklus nachweisen. Die Autor:innen halten ausdrücklich fest, dass sich keine allgemeinen Richtlinien für das Training über den Zyklus formulieren lassen, und empfehlen stattdessen einen individuellen Ansatz, der auf der persönlichen Reaktion jeder einzelnen Athletin beruht. Genau das deckt sich mit unserer Erfahrung. Was zwischen den Zyklusphasen deutlich schwankt, ist nicht die messbare Leistungsfähigkeit, sondern das individuelle Belastungsempfinden. Eine französische Forschungsgruppe hat das bei 24 Elite-Athletinnen untersucht, zwölf Ruderinnen und zwölf Skisportlerinnen in der Olympiavorbereitung (De Larochelambert et al. (2024)). Sie ordneten die Reaktion auf Trainingsbelastungen drei Zuständen zu, leicht, moderat und hart. In der ersten Zyklusphase bis zum Eisprung befanden sich die Athletinnen überwiegend im leichten Zustand, nach dem Eisprung wechselten sie deutlich häufiger in den als 'hart' empfundenen Zustand. Die Stichprobe ist klein, das benennen die Autor:innen selbst, aber der Befund passt zu dem, was uns Athletinnen seit Jahren beschreiben: dass sich in der späten Lutealphase und in den ersten Tagen der Menstruation viele Trainingseinheiten schwerer anfühlen, ohne dass dies in den Trainingsdaten sichtbar wird.
Bewusst nicht eingesetzt haben wir Nüchterneinheiten, gezielte Low-Carb-Phasen und Train-low-Ansätze. Diese Methoden keinen Platz bei jemandem, dessen Hormonhaushalt ohnehin schon unter einem Energiemangel leidet. Eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit ist für den Körper zusätzlicher Stress, und genau der wirkt direkt auf die Hormone.
Kein Grund, ein Rennen abzuschreiben
Aus all dem lässt sich nicht ableiten, dass gute Wettkampfergebnisse in bestimmten Phasen nicht möglich wären. Wer so denkt, baut sich eine selbsterfüllende Prophezeiung. Paula Radcliffe lief ihren Marathon-Weltrekord 2002 in Chicago während ihrer Periode. Wenn die Leistungsfähigkeit selbst kaum schwankt, das Empfinden aber schon, dann liegt der Hebel nicht in der Auswahl der Rennen, sondern in der Vorbereitung darauf.
Was wir konkret geändert haben
Für Wettkämpfe, die in die späte Lutealphase fallen, sieht die Vorbereitung dieser Athletin heute anders aus:
  • Regeneration und Erholung bekommen in der Wettkampfwoche noch stärkeres Gewicht
  • das Taperingprotokoll wird angepasst
  • die Ernährung in der Wettkampfwoche wird gezielt umgestellt, z.B. durch eine erhöhte Kohlenhydratzufuhr in und um das Training
  • die Pacingstrategie wird realistischer angesetzt, gerade auf dem Rad
  • bei Hitze kommen Kühlmaßnahmen unmittelbar vor dem Start konsequenter zum Einsatz
Die Einzelmaßnahmen wirken marginal, aber zusammengenommen können sie einen Rennverlauf deutlich positiv beeinflussen und die Athletin fühlt sich von vornherein besser auf das Rennen vorbereitet. Der mentale Faktor sollte nicht unterschätzt werden!
Das Fazit
Ein Muster ist kein Gesetz sondern kann lediglich als Planungsgrundlage dienen. Der Zyklustag allein entscheidet keinen Wettkampf. Er gehört aber zu den Informationen, ohne die sich Rennergebnisse manchmal nicht erklären lässt. Bei unserer Athletin lagen die entscheidenden Daten längst vor. Ruhepuls und HRV zeichnete ihre Uhr ohnehin auf. Was fehlte, war eine einzige zusätzliche Information.
Was du daraus mitnehmen kannst
  • Notiere zu jedem Wettkampf und jeder Schlüsseleinheit deinen Zyklustag. Das ist der kleinste mögliche Aufwand mit dem größten Erkenntnisgewinn.
  • Bewerte ein einzelnes schlechtes Rennen nicht sofort. Ein Muster zeigt sich erst über viele Datenpunkte.
  • Schreib kein Rennen im Voraus ab, nur weil es in eine ungünstige Phase fällt. Passe stattdessen die Trainingstage in der Rennwoche an.
  • Wenn dein Ruhepuls in der zweiten Zyklusphase erhöht ist, ist das nicht automatisch ein Warnzeichen für Übertraining. Es kann schlicht zu deinem Muster gehören.
Wie du dein eigenes Muster findest
Der Zyklus ist kein Störfaktor, den man ignorieren sollte, sondern eine zusätzliche Information. Entscheidend ist nicht die einzelne Phase, sondern dein individuelles Muster und der Kontext, in dem es auftritt. Genau darum geht es in unserem kostenlosen Webinar am 17.09.2026. Wir zeigen dort, an welchen Stellen die klassische Trainingslehre für Athletinnen zu kurz greift, wie du zyklusbezogene Muster in deinen eigenen Daten erkennst und wie du deine Wettkampfvorbereitung darauf abstimmst, ohne dich selbst zu limitieren.
Quellen
McNulty, K. L., Elliott-Sale, K. J., Dolan, E., Swinton, P. A., Ansdell, P., Goodall, S., Thomas, K. & Hicks, K. M. (2020). The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine, 50(10), 1813–1827. De Larochelambert, Q., Hamri, I., Chassard, T., Meignié, A., Storme, F. et al. (2024). Exploring the effect of the menstrual cycle or oral contraception on elite athletes' training responses when workload is not objectively quantifiable: the MILS approach and findings from female Olympians. BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 10(2), e001810. Frank-Herrmann, P. (2006). 28 Tage sind nicht die Regel. Ärztliche Praxis Gynäkologie, 5, 30–32. Datengrundlage: Deutsche Zyklusdatenbank, Universität Heidelberg (n = 9.846 Zyklen).
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag beschreibt einen realen Fall aus unserer Coaching-Praxis. Wettkampfergebnisse, Platzierungen und weitere persönliche Details wurden verändert oder weggelassen, sodass keine Rückschlüsse auf die Athletin möglich sind. Die Veröffentlichung erfolgt mit ihrer schriftlichen Einwilligung.
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Triathleten in Neoprenanzügen stehen vor dem Start des Rennens, umgeben von nummerierten Schildern und Zuschauern.
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