Langdistanz:
Was im Rennen wirklich entscheidet
Markus Lorenz
Headcoach
Die meisten Ironman-Rennen werden nicht auf den letzten Kilometern entschieden – sondern in den ersten drei Stunden.
Was im Rennen den Unterschied macht, ist in den meisten Fällen deutlich weniger spektakulär: falsches Pacing, unzureichende Energiezufuhr oder fehlende Klarheit bei grundlegenden Entscheidungen. Dinge also, die sich eigentlich kontrollieren lassen.
Ein Ironman ist kein Rätsel. Er folgt klaren physiologischen Grenzen. Wer sie respektiert, kommt durch. Wer sie ignoriert, bricht ein.
Die Wettkampfwoche: Speicher füllen, Reize minimieren
In den letzten 48 Stunden vor dem Rennen geht es primär darum, die Kohlenhydratspeicher maximal zu füllen und gleichzeitig den Verdauungstrakt ruhig zu halten.
Das bedeutet in der Praxis: Eine klare Verschiebung hin zu Kohlenhydraten mit etwa 8–10 g pro Kilogramm Körpergewicht und Tag in den letzten beiden Tagen. Parallel dazu sinkt die Zufuhr von Fett und Ballaststoffen deutlich.
Der Fehler passiert genau hier: Viele Athletinnen und Athleten essen in dieser Phase „zu gesund“. Große Mengen Vollkorn, Rohkost oder Hülsenfrüchte erhöhen zwar die Ballaststoffzufuhr, führen aber häufig zu gastrointestinalen Problemen im Rennen.
Die bessere Strategie ist unspektakulär: Reis, Kartoffeln, helle Nudeln, Weißbrot – Dinge, die gut verträglich sind und zuverlässig Energie liefern.
Bei der Flüssigkeit gilt Ähnliches. Du brauchst keine extrem hohe Trinkmenge, sondern einen stabilen Zustand. Ein guter Orientierungswert ist ein hellgelber Urin. Alles darüber hinaus bringt keinen Vorteil und kann im ungünstigen Fall sogar problematisch werden, wenn gleichzeitig die Elektrolytzufuhr nicht passt.
Der Wettkampfmorgen: stabiler Startpunkt
Das Frühstück etwa drei Stunden vor dem Start sollte vor allem eines sein: berechenbar.
Im Regelfall bedeutet das 1–2 g Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht, kombiniert mit einer kleinen Menge Protein. Fett spielt zu diesem Zeitpunkt eine untergeordnete Rolle und sollte eher niedrig gehalten werden, weil es die Magenentleerung verzögert.
Kurz vor dem Start – etwa 10 bis 15 Minuten vorher – kann eine zusätzliche kleine Kohlenhydratgabe sinnvoll sein, etwa 20–30 g. Das ist kein „Boost“, sondern sorgt dafür, dass du nicht in ein leichtes Defizit hineinstartest.
Das Schwimmen: ruhig beginnen, nicht gewinnen
Das Schwimmen wird im Ironman selten das Rennen entscheiden, kann es aber sehr früh aus dem Gleichgewicht bringen.
Ein zu schneller Start führt oft dazu, dass die Herzfrequenz früh ansteigt und sich auch nach dem Ausstieg aus dem Wasser nicht vollständig beruhigt. Die Konsequenz zeigt sich dann auf dem Rad, obwohl das Problem bereits im Wasser entstanden ist.
Ziel sollte daher ein kontrollierter Beginn sein, auch wenn das subjektiv zunächst zu langsam erscheint. Wer sich nach den ersten 500 bis 1.000 Metern stabilisiert hat, findet in der Regel deutlich besser in seinen geplanten Rennrhythmus.
Ernährung auf dem Rad: hier fällt die Entscheidung
Der wichtigste Abschnitt aus ernährungsphysiologischer Sicht ist das Radfahren.
Hier hast du die höchste Aufnahmefähigkeit – und gleichzeitig den größten Einfluss auf den späteren Marathon.
Eine sinnvolle Zielgröße für die Kohlenhydratzufuhr liegt im Bereich von etwa 70 bis 90 g pro Stunde. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Mengen im Training aufgebaut wurden. Ohne entsprechende Anpassung des Verdauungssystems wird das im Wettkampf nicht funktionieren.
Entscheidend ist dabei weniger die absolute Menge als die Konstanz. In der Praxis bedeutet das meist, alle 15 bis 20 Minuten kleinere Mengen zuzuführen. Wer beispielsweise pro Stunde auf etwa 80 g Kohlenhydrate kommen will, kann das über zwei bis drei Gels und ein kohlenhydrathaltiges Getränk abbilden. Entscheidend ist nicht die genaue Kombination, sondern dass die Zufuhr regelmäßig erfolgt und nicht erst dann, wenn bereits ein Defizit entstanden ist.
Wer versucht, große Mengen auf einmal aufzunehmen, produziert in der Regel eher Probleme als Nutzen. Besser ist ein gleichmäßiger Fluss, der möglichst früh beginnt – idealerweise schon innerhalb der ersten 20 Minuten auf dem Rad.
Bei der Flüssigkeit bewegen sich die meisten Athletinnen und Athleten im Bereich von etwa 500 bis 900 ml pro Stunde. Bei Hitze oder hoher Schweißrate kann das auch in Richtung eines Liters gehen. Alles darüber hinaus ist häufig nicht mehr sinnvoll aufzunehmen und erhöht das Risiko für Magenprobleme. Ein guter Ausgangspunkt ist, sich im Training an der eigenen Schweißrate zu orientieren. Wer nach einer Stunde Belastung ein Kilogramm Körpergewicht verliert, hat ungefähr einen Liter Flüssigkeit verloren. Ziel im Wettkampf ist nicht, diesen Verlust vollständig auszugleichen, sondern ihn kontrolliert zu begrenzen. Zu hohe Flüssigkeitszufuhr bei gleichzeitig niedriger Natriumaufnahme ist einer der häufigsten Gründe für Magenprobleme und Leistungseinbrüche im Ironman.
Der Natriumbedarf wird oft unterschätzt. Als grobe Orientierung haben sich etwa 500 bis 800 mg pro Stunde bewährt. Allerdings ist die Streuung hier enorm. Wer stark salzhaltig schwitzt, kann deutlich darüber liegen. Weißränder auf Kleidung oder häufige Krampfprobleme sind Hinweise darauf, dass die Zufuhr möglicherweise zu niedrig ist.
In der Praxis zeigt sich das häufig sehr deutlich: Während eine Athletin mit 500 mg pro Stunde stabil bleibt, benötigt ein anderer Athlet unter gleichen Bedingungen 1.000 mg oder mehr. Wer hier zu niedrig liegt, bemerkt das oft nicht sofort, sondern erst im späteren Rennverlauf über Leistungsabfall oder muskuläre Probleme.
Alle genannten Werte sind bewusst als Orientierung zu verstehen. Leichtere Athletinnen und Athleten bewegen sich häufig eher am unteren Ende der Spannen, während schwerere oder sehr gut trainierte Athleten höhere Mengen tolerieren können. Entscheidend ist nicht der Zielwert, sondern was unter Wettkampfbedingungen stabil funktioniert.
Pacing auf dem Rad: der kritischste Abschnitt
Parallel zur Ernährung entscheidet vor allem das Pacing über den weiteren Rennverlauf.
Für die meisten Age-Grouper liegt eine sinnvolle Intensität auf dem Rad im Bereich von etwa 65 bis 75 % der funktionellen Schwellenleistung (FTP). Ambitioniertere Athletinnen und Athleten können sich im oberen Bereich dieser Spanne bewegen, weniger erfahrene eher im unteren. Konkret bedeutet das für einen Athleten mit einer FTP von 250 Watt einen Zielbereich von etwa 165 bis 185 Watt über die gesamte Radstrecke. Dabei ist weniger der exakte Mittelwert entscheidend als die Konstanz. Starke Leistungsschwankungen, insbesondere Spitzen deutlich über der Zielintensität, kosten überproportional Energie und wirken sich später im Marathon aus.
Das Problem ist selten, dass jemand dieses Ziel nicht kennt. Das Problem ist, es umzusetzen.
Gerade die ersten 60 bis 90 Minuten fühlen sich oft zu leicht an. Die Leistung scheint kontrolliert, die Herzfrequenz ist niedrig, alles passt. Genau hier entstehen die entscheidenden Fehler, weil unbewusst zu viel investiert wird.
Was dort „nur“ 10 bis 15 Watt zu viel sind, wird im Marathon schnell zum limitierenden Faktor.
Diese Abweichungen entstehen selten bewusst, sondern meist durch äußere Einflüsse wie Wind, Streckenprofil oder das Verhalten anderer Athleten. Genau deshalb braucht es eine klare Obergrenze, die auch in solchen Situationen eingehalten wird.
Der Marathon: kontrolliertes Reduzieren, nicht improvisieren
Im Laufen verändert sich die Situation deutlich. Die mechanische Belastung steigt, die Durchblutung des Verdauungssystems sinkt und damit auch die Fähigkeit, große Mengen an Energie aufzunehmen.
Eine realistische Kohlenhydratzufuhr liegt hier meist im Bereich von etwa 50 bis 70 g pro Stunde. Höhere Werte sind möglich, aber deutlich schwerer umzusetzen. In der Umsetzung bedeutet das häufig ein Gel alle 20 bis 30 Minuten, ergänzt durch Flüssigkeit an den Verpflegungsstellen. Entscheidend ist auch hier die Regelmäßigkeit, nicht die einzelne Aufnahme.
Wichtig ist: Die Zufuhr wird reduziert, aber nicht eingestellt.
Auch die Flüssigkeitsmenge ist meist etwas niedriger als auf dem Rad, häufig zwischen 400 und 800 ml pro Stunde, abhängig von Temperatur und individueller Verträglichkeit. Gerade im Laufen zeigt sich schnell, ob die gewählte Menge passt. Ein zunehmendes Völlegefühl oder „Schwappen“ im Magen ist meist ein Zeichen dafür, dass die Aufnahme die aktuelle Verarbeitungskapazität übersteigt und leicht reduziert werden sollte.
Beim Tempo zeigt sich, wie gut auf dem Rad gearbeitet wurde. Ein stabiler Marathon basiert fast immer auf einem kontrollierten, eher konservativen Radpacing.
Die größte Gefahr liegt in den ersten Kilometern. Nach dem Wechsel fühlt sich das Laufen oft ungewohnt an, gleichzeitig aber nicht besonders anstrengend. Viele interpretieren das als Zeichen, schneller laufen zu können – und korrigieren sich später schmerzhaft zurück. Ein sinnvoller Ansatz ist, den Marathon initial bewusst langsamer als das Zieltempo zu beginnen und erst nach etwa 8–10 Kilometern zu stabilisieren.
Was im Kopf passiert, wenn es schwer wird
Zwischen Kilometer 20 und 30 kommt bei den meisten Athletinnen und Athleten der Punkt, an dem der Wettkampf kippt. Die Muskulatur baut ab, die Energiezufuhr wirkt nicht mehr so zuverlässig und die mentale Belastung steigt deutlich an.
Das ist keine Ausnahme, sondern Teil des Wettkampfs.
Wer hier versucht, „dagegen anzukämpfen“, verliert oft unnötig Energie. Effektiver ist es, den Fokus zu verengen. Nicht der gesamte Marathon zählt, sondern der nächste Abschnitt. Nicht die verbleibende Distanz, sondern das Halten des aktuellen Tempos.
Ein Ironman fühlt sich in dieser Phase selten gut an. Entscheidend ist, dass er kontrollierbar bleibt.
Fazit
Ein Ironman ist kein Wettkampf, den man über Motivation oder Disziplin allein löst. Er ist eine Frage der richtigen Dosierung.
Die physiologischen Grenzen sind klar:
- etwa 70–90 g Kohlenhydrate pro Stunde auf dem Rad
- etwa 50–70 g im Marathon
- 500–900 ml Flüssigkeit pro Stunde
- 500–800 mg Natrium als Ausgangspunkt
- und eine Radintensität im Bereich von 65–75 % der FTP
Diese Werte sind keine Garantien, aber sie setzen den Rahmen.
Innerhalb dieses Rahmens wird entschieden, ob du dein Leistungsniveau abrufen kannst – oder ob du dich Stück für Stück davon entfernst.
Und genau das ist der eigentliche Kern eines Ironman: nicht maximal schnell zu starten, sondern über viele Stunden hinweg möglichst wenig falsch zu machen.
FaziWenn du nur drei Dinge richtig machst
Am Ende lässt sich der gesamte Wettkampf auf wenige zentrale Faktoren herunterbrechen:
Erstens: Fahre das Rad konservativ im Bereich von etwa 65 bis 75 % deiner FTP und vermeide Leistungsspitzen.
Zweitens: Nimm von Beginn an konstant Kohlenhydrate auf, idealerweise im Bereich von 70 bis 90 Gramm pro Stunde auf dem Rad.
Drittens: Trinke regelmäßig und angepasst an deine Bedingungen, statt große Mengen auf einmal aufzunehmen.
Diese drei Faktoren entscheiden in den meisten Fällen darüber, ob du dein Rennen stabil zu Ende bringst oder im Marathon deutlich einbrichst.
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